Gefühle in der Arbeit: Belohnt, geduldet oder bestraft?
Sep 25, 2026„Ich selbst habe mich schon in Situationen wiedergefunden, in denen ich mich für den Erfolg oder meine mentale Gesundheit entscheiden musste." Der Satz könnte von fast jedem/jeder stammen. Auch von mir.
Das muss so nicht sein.
Das Bewusstsein dafür wird größer, immer mehr Unternehmen nehmen das ernst, und ich bin froh, wenn ich einen kleinen Teil dazu beitragen kann. Aber wenn Du mich fragst: Der Aufwärtstrend ist vieeeel zu langsam.
Immer noch stehen persönliche Themen und genauso oft Emotionen im Weg, wenn es darum geht, wer die nächste Beförderung bekommt oder wem das nächste große Projekt anvertraut wird. Und interessanterweise werden nicht alle Emotionen gleich behandelt: Wer Frust oder Ungeduld zeigt, gilt schnell als durchsetzungsstark. Wer Traurigkeit, Sorge oder Empathie zeigt, wird eher als nicht belastbar gelesen. Dabei sind das einfach unterschiedliche Facetten desselben Menschseins.
Die Rolle der Superheldin oder des Superhelden, die viele auf der Arbeit spielen (müssen), sorgt zwangsläufig dafür, dass sie ein Ventil außerhalb der Arbeit brauchen. Dieses Ventil kann destruktiv sein: ständige Ablenkung, ungesunde Gewohnheiten oder andere Menschen, die als Ventil herhalten müssen. Auf Kosten der Beziehung zum Partner, zur Partnerin, zu Freunden oder zur Familie.
Eine Rolle in der Arbeit über einen langen Zeitraum zu spielen, ist eine der zentralen Ursachen für ein nicht-authentisches Leben. Und das macht auf Dauer krank.
Das Gegenmittel ist die psychologische Sicherheit.
Psychologische Sicherheit bedeutet, dass Du in Deiner Persönlichkeit (und ganz wichtig, auch in Deiner Gefühlswelt) so sein darfst, wie Du bist. Natürlich immer in einem professionellen Rahmen. Aber eben mit der Akzeptanz: Jede und jeder tickt anders, entsprechend dürfen Gefühle mal so und mal so aussehen. Das bedeutet nicht automatisch, dass Deine Performance dadurch besser oder schlechter wird.
Wenn Du als Führungskraft empathisch und nah an Deiner eigenen, authentischen Gefühlswelt führst, entsteht genau diese psychologische Sicherheit in Deinem Team. Ein Zustand, der Lernverhalten und Team-Performance steigert (vgl. Edmondson, 1999; Google Project Aristotle; Frazier et al., 2017). Ein entspanntes, reguliertes Nervensystem ist die Grundlage für bessere Performance. Menschlichkeit und Leistung stehen sich also gar nicht gegenüber. Im Gegenteil.
Es gibt Menschen, die das besser wegstecken können als andere. Die besser darin sind, Aspekte ihres Lebens zu trennen. Leisten sie deswegen bessere Arbeit als andere? Sollten nur sie unsere Zukunft gestalten und die wichtigen Entscheidungen treffen? Ich denke nicht. Das kann und darf nicht richtig sein.
In Ohnmacht zu verfallen, ist trotzdem keine Option. Also was tun?
Sei der Wandel, den Du in der Welt sehen möchtest. Den Kalenderspruch kann ich mir an der Stelle nicht verkneifen, er passt einfach zu gut.
Wenn Du Teil eines Teams bist oder sogar Team Lead, dann kannst Du das Klima Deines Teams beeinflussen, indem Du mit gutem Beispiel vorangehst. Leading by Example.
„Entschuldigung, wenn ich in dem Termin immer wieder auf das Handy schaue. Meine Mutter ist gerade im Krankenhaus und ich erwarte eine wichtige Nachricht."
„Ich bin heute etwas müde. Ich habe zwei kranke Kinder zu Hause und heute Nacht kein Auge zugemacht."
So enttabuisierst Du es, in Deinem Team über solche Dinge zu sprechen. Und Du schaffst ein Klima, in dem es auch anderen leichter fällt, offen zu sein.
Das verlangt natürlich Fingerspitzengefühl. Eheprobleme gehören in kein Arbeitsmeeting, aber diese Unterscheidung traue ich Dir zu. Einfach 10 bis 15 % mehr zu teilen, als Du es eigentlich würdest, ist meistens schon eine nützliche Faustregel. Genau das schafft die Leadership Skills, die heute zählen: Empathie, Nahbarkeit, Transparenz, Mensch sein.
Vielleicht magst Du diese Woche einmal darauf achten: In welchen Momenten spielst Du eine Rolle, die eigentlich Kraft kostet? Und wo könntest Du die 10 bis 15 % mehr teilen?
Ich bin gespannt, was Dir dabei auffällt. Schreib es mir gerne.