Wenn alles zum To-do wird

Sep 15, 2026

„Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal das Gefühl hatte, fertig zu sein. Aber das gehört halt irgendwie dazu.” Das hat eine Klientin, die ich schon lange kenne, in einem unserer Einzelcoachings gesagt. Ich weiß, dass sie nicht allein damit ist. Und ich weiß, dass das Teil unseres Zeitgeistes ist; so groß würde ich es tatsächlich machen. Das sollten wir nicht einfach hinnehmen, meiner Meinung nach: Schöne Dinge wie Freunde treffen dürfen nicht zu To-Dos werden, die es abzuarbeiten gilt.

Ich habe viel darüber nachgedacht und bin überzeugt, dass es zum Großteil damit zusammenhängt, dass wir verlernt haben, wie wir richtig stolz auf uns sind – auf eine gesunde Weise.

Erschöpfungsstolz: ein Stolz, der uns müde macht

Erschöpfungsstolz ist der Moment, wenn man abends völlig ausgelaugt aufs Sofa fällt und genau daraus eine gewisse Bestätigung zieht. So nach dem Motto: „Ich bin müde, also war ich fleißig, also habe ich viel geschafft.“

Werkstolz ist das Gefühl, etwas beendet zu haben. Etwas, das sichtbar und greifbar ist. Wie der Tisch eines Tischlers, der am Ende des Tages fertig vor ihm steht.

Und genau dieser Zeitpunkt fehlt heutzutage viel zu oft. Nicht, weil wir unfähig sind, sondern weil unsere Arbeit (und oft auch unser Alltag) digital und in endlosen Schleifen stattfindet. Wenn ich mehr E-Mails sende, kommen noch mehr E-Mails zurück. Man wird schlichtweg nie „fertig“.

Der verpasste Punkt

Ich denke, wenn wir ehrlich sind, warten wir viel zu häufig auf ein „fertig“, das in der heutigen Welt kaum noch vorkommt.

Selbst wenn wir den Job wechseln oder uns ein neues Lebensmodell bauen würden; der Stress wandert mit. Einfach, weil er weniger mit dem Äußeren zu tun hat, und sehr viel mehr mit unserer Einstellung und der Art, wie wir uns innerlich organisieren.

Der Tischler, der stolz auf sein Werk schaut, ist ein schönes Bild – aber auch das Bild trägt nur teilweise. Für Handwerker geht es auch immer weiter und weiter und weiter.

Wieder Raum finden: mitten im Tun

Die eigentliche Frage liegt nicht darin, wie man weniger tut, sondern wie man im Tun wieder Raum findet: zum Durchatmen und um den Körper einmal nicht in den Sympathikus (Alarm-Modus) springen zu lassen. Wie wir aufhören, uns immer weiter selbst anzutreiben.

In den Momenten, in denen wir einfach sind, kommen wir wieder in den Parasympathikus (in die Ruhe) und es sortiert sich etwas:

Das Gehirn braucht diese Pausen. Nicht als Leistung, nicht als Aufgabe, sondern als Möglichkeit, wieder Übersicht zu gewinnen. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass schon sehr wenig reicht, um den Druck im Inneren sinken zu lassen.

Vielleicht sollte sich unser „fertig“ verändern. Vielleicht ist es heute eher ein innerer Zustand als ein äußerer. Ein Moment, in dem man für sich entscheidet: „Für jetzt reicht das.“ Nicht aus Resignation, sondern aus Klarheit.

Ich denke, das ist die einfachste und beste Art, modernen Werkstolz entstehen zu lassen. Nicht der Stolz, alles geschafft zu haben. Sondern der Stolz, etwas anzuerkennen, das im Moment genug ist und das als kleines Stück Frieden mitten im Prozess zu sehen.

Wenn ich gleich auf veröffentlichen geklickt habe, mache ich kurz Pause und lasse Werkstolz zu. Nicht weil ich mit allen To-Do’s fertig bin, sondern weil ich mir diesen Moment bewusst nehme. Denn wenn ich ihn mir nicht nehme, dann kommt er nicht.